Stadtgalerie E5 zeigt "not available": neue Arbeiten von Andrea Thiede und Christian Patruno 

 

E5-3In ihren neuesten Arbeiten hat Andrea Thiede die strenge Schwarz/Weiß-Malerei hinter sich gelassen und die Farbe als Ausdrucksmittel entdeckt. Leuchtendes Rot, Zitronengelb, Orange, Blau und auch Weiß ballen sich auf einem fast samtschwarzen Hintergrund zu Farbflächen zusammen und lassen Personen entstehen. Ihrer Arbeitsweise ist sie trotz der gewandelten Palette treu geblieben: Das, was sie täglich sieht, erregt ihr Interesse, wird im Foto festgehalten und dann stark reduziert in Malerei umgesetzt - Menschen an einer Straßenbahnhaltestelle, die lasziven Mädchen auf bestimmten Internetseiten genauso, wie ihr Selbstporträt, das ihr täglich im Spiegel begegnet.  

In ihrer Reihe von Wartenden spielt sie, ähnlich wie in ihren „Antifa“-Bildern, die immer wieder den gleichen Blick aus einem Fenster zeigen, mit der Veränderlichkeit einer ortsgebundenen Situation. An einer Haltestelle finden sich die unterschiedlichsten Personen ein. Alle sind in die Rolle des Wartenden gezwungen, alle gehen anders damit um: Thiede zeigt uns in sich gekehrte, einsam wirkende Personen und vom Zufall geschaffenen Gruppen, die die Wartezeit zum Gespräch nutzen oder auch vereinzelt hintereinander stehen. Das Warten an der Haltestelle wird zum Symbol für das Leben: Täglich dem Zufall ausgeliefert erwarten wir ständig, dass etwas passiert und unser Leben verändert – zum Guten oder womöglich zum Schlechten. Durch den Verzicht auf erzählerische Details fällt die volle Konzentration des Betrachters auf die Figuren, auf ihre Kleidung und ihre Körperhaltung. Die Gesichter bleiben entweder im Schatten oder werden „überbelichtet“, so dass die Mimik nicht lesbar ist. Allein die Körperhaltung gibt Aufschluss über die Befindlichkeit der dargestellten Person. Simuliert wird so eine Alltagserfahrung: Wir nehmen die meisten Menschen, die uns täglich begegnen, nur mit einem schnellen, oberflächlichen Blick war. Wir bekommen durch Kleidung und Körpersprache einen Eindruck, aber keine tieferen Erkenntnisse.  

Die Unfähigkeit wirklich zu durchschauen, was uns umgibt und womöglich auch uns selbst, ist auch Thema von Thiedes Selbstporträts. In beiden gezeigten Arbeiten lässt sich die Künstlerin nicht in die Augen sehen. Sie präsentiert uns ihr Gesicht einmal frontal und zum anderen in einer Sinnlichkeit suggerierenden, liegenden Haltung. Hier öffnet sich Andrea Thiede nicht der Neugierde des Betrachters, sondern führt ihm Klischees vor. Sie schlüpft in unterschiedliche Rollen und hinterfragt hierdurch die eigenen Identität. Sie bleibt für uns genauso geheimnisvoll, wie ihre wartenden Menschen an der Haltestelle.   

E5-1>Die Gemälde von Christian Patruno scheinen einem ontologischen Weltbild Ausdruck zu verleihen, in dem sich alle Kategorien von Seinsformen ganz bestimmten, streng voneinander getrennten Schichten zuordnen lassen. Die scharfe Trennung von unbelebter Materie und lebenden Wesen durchzieht fast alle seine in dieser Ausstellung gezeigten Bilder, vollzogen wird sie durch eine jeweils andere Malweise. So werden die unbelebten Bildgegenstände aus glatt gearbeiteten Flächen zusammengesetzt. Es entstehen starre Räume, in denen unveränderliche Dinge einen festen Platz zu haben scheinen. Unbelebte Bildelemente gewinnen durch ihre präzise Ausarbeitung eine fast magische Wirkung und erinnern in ihrer starken Präsenz an Gemälde der Neuen Sachlichkeit. Die Gegenstände stehen dem stark pastos gestalteten Menschen und Tieren kontrastierend gegenüber. Vor allem die Haut der Personen scheint keine feste Hülle zu sein, die den Körper umschließt und ihn so von der Umwelt abgrenzt. Sie wirkt durchdringbar, fähig, sich permanent zu verändern und wird so Ausdruck des Lebendigen an sich. Verbunden werden diese beiden „Schichten der räumlichen Außenwelt“ durch das dramatische Licht, dessen physikalischer Wirkung alle Bildgegenstände gleichermaßen unterworfen sind. Besonders beeindruckend gelingt dies dem ausgebildeten Fotografen in seinen Gegenlichtdarstellungen, in denen sich nun auch die lebendigen Motive durch ihre Silhouettenhaftigkeit den toten annähern. 

So stark Patruno an formalen Fragen der Malerei interessiert ist, der inhaltliche Aspekt seiner Arbeiten spielt durchaus eine Rolle. In „Freiflug“ sehen wir einen Mann über einer unendlichen Wasserfläche in einem Moment der Dynamik wie bei einer Schnappschussfotografie festgehalten. Eine Hand im rechten Bildvordergrund bezieht sich in ihrer Bewegung auf diese Person, die kopfüber erschreckt aus dem Bild herausschaut. Patruno gibt keine Hinweise auf die räumlichen Verhältnisse, die Beziehung zwischen Person und Hand bleibt unklar. Dem Betrachter bleibt Raum für eigene Interpretationen, eigenen Fragen, vielleicht nach der permanenten Unsicherheit des Lebens an sich: Ein „Freiflug“ ohne Netz und doppeltem Boden? In einigen Gemälden wird die Situation bewusst surreal gestaltet. Der leuchtend rote „Kampffisch“ schwebt über einem frisch gepflügten Feld, einer Uhr fehlen die Zeiger, ein Buch kommt ganz ohne Buchstaben aus. Der Betrachter fühlt sich in eine Traumwelt hineingezogen, nicht zuletzt durch die Gesten und Blicke der dargestellten Personen. Die Personen selbst bleiben völlig verschlossen. Streng genommen erzählt Patruno keine Geschichten, sondern stellt einzelne Motive in einen Zusammenhang, der die Phantasie des Betrachters anregt ohne ihn jemals ganz entschlüsseln zu können.

 

 

Text: Michaela Dworatzek, M.A.

Fotos: Gerold Maier

 Stadtgalerie E5

Rathaus E5

68159 Mannheim

Öffnungszeiten: Mo-Fr 8.00-17.00 Uhr

Ausstellungsdauer: 11.10.2007 - 01.02.2008

Eröffnung: 10.10.2007 um 19.00 Uhr 

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