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Wenn Huckleberry Finn Tom Sawyer die Malerei erklärt - Walter Stöhrer im Ulmer Museum
Dem südwestdeutschen Künstler, der im hohen Norden in Scholderup arbeitete und lebte, widmete seine Heimatregion in den letzten Jahren eine Fülle von Ausstellungen. Die graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart zeigte 2005 die umfangreiche Präsentation "Walter Stöhrer. Radierung und Bild" mit Katalog (virtuell noch zu besichtigen über den Link http://www.staatsgalerie.de/aus_stoehrer/). Die Stuttgarter Ausstellung verfolgte das Ziel, auf die große Bedeutung der Radierungen für Stöhrers malerisches Werk aufmerksam zu machen. Nun hat die Nachbarstadt Ulm nachgelegt und stellt im Ulmer Museum am idyllischen Marktplatz noch bis zum 29. Juli die großen expressiven Bildwerke des Malers vor.
Stöhrer fällt mit diesem alterslosen Werk auf als Künstler, der die figurative Assoziativität der "Postmodernen", insbesondere ihrer italienischen Repräsentanten, in individueller Weise pflegt. Diesen Stil hat er jedoch nicht übernommen, sondern ununterbrochen seit den sechziger Jahren entwickelt. Die Stuttgarter Ausstellung zeigte, wie sich seine Figuren auch aus den surrealen Abstraktionen Miros entwickelten. Seine grafisch konzipierten Formen zeigen ebenso deutlich die Spuren von Grosz und dessen wilde Ironie. Damit entfernen sie sich von der Egomanie der amerikanischen Vorbilder. Typische Beispiele für diese frühe "postmoderne" Abkehr von der Subjektivität des Expressionismus sind die Pas de Deux Serien wie z.B. die "Wahnhall" Serie aus zwanzig bemalten Lithografien von Arnulf Rainer, von 1968. Das erste von Stöhrer bemalte Rainer-Litho zeigt links unten ein Figurenpaar in Hell und Dunkel, zwischen Comic-, Tier- und Menschenform. Sicher - auch einfach eine abstrakte Konfiguration von Rundformen. Mittendrin ein zufällig entstandener Pfeil, der auf den Namen des Verlags zeigt? In diesem Spiel aus Hineinlegen und Herausfinden im interpretierenden Blick liegt der besondere Reiz, der Unterhaltungswert der Stöhrerschen Bildwerke. Mit der Kontinuität und Vielfalt, die er mit diesen Figurationen entwickelte, darf er als vergleichsweise singulär und quer zur zeitgeschichtlichen Konstruktion der Stile angesehen werden.
Das Werk ist, wie "Huckleberry Finn erklärt Tom Sawyer die Malerei" von 1995, einem sehr produktiven Jahr. Die Werke aus den 90ern sind monumental und dokumentieren so auch das Erreichte, den Luxus und das Selbstbewusstsein des Erfolgs. Seit 1986 war Walter Stöhrer Professor an der Berliner Hochschule der Künste, nach zwanzig Jahren als freischaffender, wenn auch erfolgreicher Künstler und einer kurzen Gastprofessur 1981/1982. In kleinem Format hätten die Bilder jedoch auch schon in den siebziger oder sechziger Jahren entstehen können. Eine Zeichnung aus Wachskreide und Tusche in mittelgroßem Format zeigt einen ähnlichen Umgang mit Figur und Fläche, wobei die Figur hier scheinbar hinter den Farbflächen hockt, noch von einer anderen Farbfläche mit interpretierbaren Konturen umgeben. Der Vergleich macht deutlich, wie Stöhrer typischerweise mit den Bildflächen umgeht. Aus der Zeichnung überträgt er selbst auf die großformatigen Gemälde den einbeziehenden Umgang mit den weißen Flächen. Es gibt eigentlich keine Farbflächen in den Werken. Stattdessen setzt sich ein Gefüge aus sehr breiten Farblinien zusammen, fast könnte man "Farbschienen" sagen, würde das nicht wie die Faust auf's Auge zu der Herkunft des Malers aus dem von der Spielzeugeisenbahn besessenen Baden-Württemberg passen. Zwischen diesen breit angelegten Farbbahnen zumindest bildet das Weiß in Zeichnungen und Gemälden eigenständige Formen aus. Durch das Zusammenspiel zwischen solchen Konturenflächen und zur Fläche erhobenen Hintergründen entsteht auch der räumliche Eindruck, der, wie die Wachskreidenzeichnung "Ohne Titel" aus den siebziger Jahren zeigt, ebenfalls eigentlich unabhängig von der gewählten Technik und der Größe des Formats ist.
Überhaupt sind die Farben der Schlüssel zu der expressiven Kraft der Bilder. Stöhrer favorisiert die etwas rohe und gewalttätige Zusammenstellung von Rot, Schwarz und Weiß. Die Assoziationen mit dieser Farbkombination sind in unserem kulturellen Umfeld wenig freundlich. Aber wie bei der roten Figur am weißen Zaun in "Huckleberry Finn erklärt Tom Sawyer die Malerei" ist es dem Maler auch in seinen anderen Werken gelungen, die unterschwellige Farbsymbolik und -gewalt durch die Gestalt seiner Figuren, durch Nebenfarben und Farbverläufe, Motivkombinationen und lyrische Passagen oder Kontexte aufzuheben. Die Art und Weise, wie seine Bilder mit Extremen drohen und sie ironisch unterlaufen oder aufheben, ist gerade ihre Stärke und bildet das bleibend Interessante, gibt somit auch für die Selbsteinschätzung des Malers als jemand, der "vierzig Jahre dasselbe Bild zu malen versuchte" einen guten Grund. Bericht und Fotos: Dr. Ulrike Ritter
Walter Stöhrer. Bilder - zwischen Hand, Herz, Kopf und Bauch Ulmer MuseumAm Marktplatz 989073 UlmTelefon: 0731/161-4330Email: info.ulmer-museum@ulm.dewww.museum.ulm.de Öffnungszeiten: Di bis So 11-17 Uhr Do 11-20 Uhr Eintrittspreise Sonderausstellungen: regulär € 5, ermäßigt € 3,50 Lange Nacht der Museen: 23.06.2007, 19 - 24 UhrFinissage: 29.07., 11 Uhr Öffentliche Führung Öffentliche Führungen: Do jeweils 18 Uhr14.6., 28.6., 12.7., 26.7. WorkshopFr 15.6., 22.6., 13.30 - 16.30 UhrWorkshop "Ungebändigte Malerei" für Jugendliche ab 16 Jahren.Leitung: Anneliese Neumann, Teilnahmegebühr jeweils 12,- Euro.
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